Unsere Fahrt durch Eiderstedt

 

Bei schönem Sommerwetter starten wir mit 56 Schobüller Landfrauen am 13. August 2010 unseren Halbtagesausflug in gar nicht so weite Ferne. Wir wollen Eiderstedt, die Landschaft mit eigenem Charakter und einer besonderen Bauhistorie kennen lernen und haben mit der Denkmalpflegerin Ute Watermann fachkundige Begleitung dabei.

Die Halbinsel Eiderstedt ist durch Eindeichung und Landgewinnung insbesondere der drei Hauptinseln - Utholm Tating, Everschop Garding und Eiderstedt Tönning - entstanden und verfügt heute über 18 Kirchen, die weitestgehend ihren Ursprung im 12. Jh. haben.

 

Unser erstes Ziel ist die St. Laurentius Kirche in Tönning, wo zwei Löwen den Eingang flankieren. Es ist ein lang gestreckter, einschiffiger Backsteinbau ursprünglich aus dem 12. Jh, der mehrfach verändert worden ist. Den romanischen Ursprung sehen wir noch deutlich an der Nordseite der Kirche mit den kleinen romanischen Fenstern und Rundbögen unterhalb dieser Fenster und darüber ein Tuffsteinfries. Die barocke Turmhaube ist nach der Beschädigung im nordischen Krieg errichtet worden. Leider ist heute eine Besteigung des 62 m hohen Kirchturmes nicht möglich. Im harmonischen Kircheninneren staunen wir über die hervorragende barocke Ausmalung des Tonnengewölbes von B. Conrath und bewundern den Emporenlettner mit den Knorpelschnitzereien und den 33 Messingsäulen, die jeweils den Namen eines Stifters tragen. Die Kanzel im sog. Akanthusbarock ist verziert mit vielen geschnitzten, vergoldeten Ornamenten. Den Schnitzaltar von 1634, der 1740/41 durch barocke Elemente wie Akanthusblätter überarbeitet worden ist, haben wir nur durch den Lettner betrachten können.

 

Wir spazieren weiter durch die beschauliche Kleinstadt und den schönen alten Schlosspark zum wunderhübschen Hafen mit dem Kanalpackhaus von 1783, dem alten Zollamt, der seit 1740 konzessionierten kleinen Holzschiffswerft, die auch heute noch Spezialaufträge bekommt, der schönen weißen Brücke und dem dort beginnenden „Torfhafen“, in dem früher die Torf- und Apfelkähne zum Löschen festmachten. Dort haben wir das Seefahrtszeichen gesehen: ein Takelmast mit schiffsgerechter Beflaggung und den drei Signalflaggen an der Rah: W – A – Y = Gute Reise!

Wir erfahren, dass Tönning erst mit der Verlagerung der Eider durch Sturmfluten und Tideveränderungen in die Nähe der Eider geraten ist. Diese neue verkehrsgünstige Situation ist im 14. Jh. die Grundvoraussetzung für den wirtschaftlichen Aufschwung gewesen und Tönning ist dadurch im 16. Jh. zum Ausfuhrhafen für die landwirtschaftlichen Produkte Eiderstedts geworden. Die Stadtrechte haben Tönning und Garding im Jahre 1590 erhalten. Der große Umschlag um 1600 mit 300.00 bis 400.00 Pfund Käse jährlich hat für Herzog Johann Adolf den Ausschlag für den Bau eines Hafens im Jahre 1611 gegeben. Viele Schiffe aus dem In- und Ausland haben hier angelegt. Der dreißigjährige Krieg, die nordischen Kriege sowie die schwere Sturmflut 1634 haben den Handel, Wohlstand und große Teile Tönnings zerstört. Das einstige Wasserschloss haben wir als Miniaturmodell in dem restlichen alten Schlossgraben wieder gefunden.

 

Weiter geht die Fahrt vorbei an vielen Haubargen zum Hochdorfer Garten in Tating. Wir spazieren durch einen Garten, der ohne Übertreibung als einer der herausragenden Gärten bäuerlicher Kultur verstanden werden kann. Diese Parkanlage ist eng mit dem Haubarg Hochdorf verbunden, aber beide Objekte haben verschiedene Eigentümer. Anhand dieses Grundrisses wird uns hier der Aufbau eines Haubarges erklärt, unter dem früher Mensch und Tier unter einem Dach gelebt haben. Wir sind von der Größe beeindruckt.

Gestaunt haben wir aber auch über die symetrische Aufteilung des barocken Gartens, der ursprünglich aus 12 Quartieren bestanden hat. Nach mehreren Besitzerwechseln ist der Garten umgestaltet und erweitert worden und ein sog. Aboretum mit exotischen Gehölzen entstanden. Ein Schweizerhaus ist im Park als Sommerhaus – heute ein Café – errichtet sowie sogar eine künstliche Ruine gebaut worden. Die gesamte Anlage ist aufgrund der Kinderlosigkeit des Besitzers in eine Stiftung übergegangen. Den Abbruch des Haubarges nach dem Krieg wegen Baufälligkeit hat der Zimmermeister Christian Kempf mit dem Kauf jedoch verhindern können und ihn damit gerettet. Heute kann man in schönen Ferienwohnungen auf dem Haubarg seinen Urlaub verbringen und den herrlichen Garten genießen.

 

Nun haben wir richtigen Kaffeedurst, den wir mit Kirchspielskrug in Westerheber zusammen mit dem leckeren Kuchen löschen, bevor wir zu dem nächsten Haubarg weiter fahren, dem Holmhof in Poppenbüll. Der jetzige Besitzer, Herr Reeder, hat uns mit Unterstützung seiner Frau alles über den Aufbau und die Geschichte dieses Haubarges erzählt, und wir haben ihn sogar zusammen mit den Wohnräumen besichtigen dürfen, was natürlich für uns sehr interessant war. Wie in einem kleinen Heimatmuseum hat die Familie Reeder liebevoll wertvolle Gegenstände aus früherer Zeit zusammengestellt. Aufgefallen ist uns ein ganz besonderes Bild, zu dem die Kopenhagen-Reisenden ein Pendant im Schloss Frederiksborg in Dänemark sehen werden.

 

Nun sind wir noch neugierig auf die Tauteiche der Warft Helmfleth, die Besonderheit der Landschaft Eiderstedt zur Süßwassergewinnung. Diese ovale Mulde wird mit Schilf ausgelegt, mit Lehm verschmiert und feuergehärtet. Dieser in dieser „Schüssel“ aufgefangene Morgentau hat so das Trinkwasser für das Vieh in der Trockenzeit gesichert. Angelegt worden sind diese Tauteiche vor ca. 1000 Jahren! Eine geniale Idee!

 

Zur Abrundung dieses Ausfluges lassen wir uns im Roten Haubarg mit einem leckeren Essen verwöhnen und freuen uns noch über einen schönen Klönschnack.

 

Wir haben die Kleinode auf Eiderstedt kennen gelernt und abermals festgestellt, dass wir immer wieder etwas Neues über unsere schöne Heimat lernen können, dieses Mal durch Dich, liebe Ute Watermann. Habe herzlichen Dank dafür und auch für Dein Konzept, das mir bei der Fertigstellung dieses Berichtes sehr geholfen hat.

                                                                                                                                 G.O.